Interview Veröffentlicht am:
„Der Arbeitsmarkt muss insgesamt inklusiver gestaltet werden“
Joachim Leibiger ist der Thüringer Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen. Er bearbeitet ein breites Themenspektrum, das von Barrierefreiheit über Inklusion bis hin zu Leichter Sprache oder zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention reicht. Anhand von vier Fragen schildert Herr Leibiger die Situation von Menschen mit Behinderungen im Freistaat.

Beschreiben Sie doch bitte einmal die Lage in Thüringen – wie viele Menschen mit Behinderungen gibt es im Freistaat und wie verteilen sie sich auf die verschiedenen Gruppen?
Aktuell leben rund 422.000 Menschen mit einem Grad der Behinderung (GdB) ab 20 und höher in Thüringen, davon haben rund 247.000 Personen eine anerkannte Schwerbehinderung. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung im Freistaat heißt das, dass etwa jeder Fünfte in Thüringen mit einer Behinderung lebt.
Der Behinderungsbegriff der Vereinten Nationen ist breit gefächert und umfasst sichtbare und nicht-sichtbare Behinderungsformen. Der Thüringer Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen macht sich für ein inklusives und barrierefreies Umfeld stark, von dem alle Menschen profitieren. Eine Aufschlüsselung nach bestimmten Behinderungsgruppen macht daher für uns weniger Sinn.
Was wird im Freistaat unternommen, um die soziale Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten? Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Neben den sozialgesetzlichen Rahmenbedingungen, den Leistungen der Eingliederungshilfe sowie Beratungsangeboten wie der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung oder Instanzen wie dem Ombudsrat für Inklusive Bildung versuche ich mit meinem Team, im Einzelfall nach Lösungen zu suchen. Häufig wenden sich Bürgerinnen und Bürger an uns, wenn es im Zusammenspiel von Trägern, Kommunen, Einrichtungen und Behörden Probleme gibt – „wenn es knirscht im Getriebe“. Dann versuchen wir im Sinne des Menschen mit Behinderung beziehungsweise seiner Betreuungspersonen zu helfen und festgefahrene Problemlagen wieder in Gang zu bringen.
Ein weiterer Teil unserer Arbeit konzentriert sich auf den Abbau von Barrieren, um Teilhabe zu ermöglichen. Hierzu haben wir vor wenigen Jahren die Landesfachstelle für Barrierefreiheit gegründet. Die Fachleute in den Bereichen Bauen, Verkehr sowie digitale Barrierefreiheit setzen ihr Wissen ein, um für bestehende Hindernisse zu sensibilisieren und diese im Idealfall abzubauen beziehungsweise schon im Planungsstadium zu vermeiden.
Darüber hinaus betreiben wir Lobby-Arbeit für die große Gruppe der Menschen mit Behinderungen und suchen das Gespräch mit den politischen Entscheidungsträgern in Thüringen, kommunal sowie auf Landesebene.
Für die aktuelle achte Legislaturperiode haben wir zum Beispiel ein 10-Punkte-Papier mit wichtigen Forderungen veröffentlicht, welches wir in die Gespräche mit den Fraktionen der neuen Thüringer Regierung mitnehmen wollen.
Wenn Sie ein Zwischenfazit ziehen müssten, in welchen Bereichen ist Thüringen bereits gut aufgestellt und wo sehen Sie für die Zukunft Verbesserungspotenzial?
Gute Beispiele gibt es im Bereich Tourismus. Dass die Leuchtenburg in absehbarer Zeit einen Schrägaufzug erhält, und damit Deutschlands erste barrierefreie Höhenburg wird, freut mich persönlich sehr.
Auch mit unserem im Vergleich recht kleinen Thüringer Barrierefreiheitsförderprogramm (ThüBaFF) konnten wir schon einige wichtige Projekte fördern. Die Nachfrage übersteigt aber bei Weitem den Programmumfang.
Verbesserungsbedarf sehe ich vor allem bei dem Angebot von barrierefreiem Wohnraum. Außerdem gibt es zu wenige barrierefreie Arztpraxen in Thüringen. Auch beim aktuellen Thema Wahlen gibt es Probleme: Derzeit ist nur rund jedes zweite Thüringer Wahllokal barrierefrei zugänglich. Zudem sind Informationen in Leichter Sprache rar: In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung sind wir die einzige Stelle, welche Broschüren zu den Kommunal- sowie zu den Landtagswahlen herausgebracht hat.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die schleppende Digitalisierung in Thüringen und in dem Zusammenhang das fehlende Bewusstsein für die Bedeutung barrierefreier Webangebote und Dokumente. Insgesamt gibt es beim Thema Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen noch viel aufzuholen, das betrifft vor allem die politischen Entscheidungsträger in Stadt und Land. Die Barrieren in den Köpfen sind besonders langlebig. Aber auch in der Privatwirtschaft gibt es Vorurteile, was die Beschäftigung und den Einsatz von Menschen mit Behinderungen betrifft.
Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird es in den kommenden Jahren einen branchenübergreifenden Mangel an Arbeitskräften in Thüringen geben. Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, um mehr Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt zu integrieren?
Der Arbeitsmarkt muss insgesamt inklusiver gestaltet werden. Wir müssen bestehende Systeme reformieren und durchlässiger machen. Die Chancen für Menschen mit Behinderungen auf eine reguläre Beschäftigung steigen dann, wenn die Voraussetzungen in der Praxis geschaffen werden. Auch der aktuelle Thüringer Koalitionsvertrag plädiert dafür, „Barrieren im Arbeitsumfeld zu reduzieren“ und die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bei der Schaffung von barrierefreien Arbeitsplätzen zu unterstützen.
Die gleichbleibende Zahl von rund 4.800 Arbeitssuchenden mit Behinderungen, die teils hochqualifiziert sind, gilt es, zu senken. Neben den nach wie vor fehlenden Anreizen für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, Menschen mit Behinderungen einzustellen, muss auch auf die Barrierefreiheit hingewiesen werden. Die Wege vom und zum Arbeitsort, die digitale Zugänglichkeit und Nutzbarkeit von computergestützten Arbeitsplätzen – all dies muss verbessert werden.
Eklatant ist, dass wir auch in Thüringen eher Separation als Inklusion betreiben, wenn man auf die eng miteinander verknüpften Felder Arbeit und Bildung schaut: Die Mehrheit der Schulabgänger verlässt die Förderschule ohne qualifizierenden Abschluss. Der Weg in die Werkstatt ist häufig vorgezeichnet. Und von dort schaffen es weniger als ein Prozent der Beschäftigten, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. All dies ist kein reines Thüringer Problem. Hier sind bundesweit innovative Konzepte und Lösungen gefragt.
Apropos Innovation: Was mir bereits gut gefällt, sind einige der Inklusionsbetriebe in Thüringen. Diese innovativen Modelle gilt es zu stärken und auszubauen.
Weitere Informationen
Thüringer Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen
UN-Behindertenrechtskonvention
Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung [PDF, 287KB]