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„Sprache hat ein hohes identitätsstiftendes Potenzial“
Prof. Agnes Jäger hat den Lehrstuhl für Germanistische Linguistik mit Schwerpunkt Sprachwandel und sprachliche Variation am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Thüringen ist für seine historische Kleinteiligkeit bekannt. Dies spiegelt sich unter anderem in einer außerordentlichen Vielfalt an verschiedenen Dialekten wider. Im Interview spricht Prof. Jäger von der Bedeutung der Sprache und dem Verlauf von Sprachgrenzen in Thüringen.

Wie viele und welche Dialekte gibt es eigentlich in Thüringen? Und wo verlaufen grob die Sprachgrenzen?
Man unterscheidet in Thüringen insgesamt zehn größere Dialekträume. Bei den meisten handelt es sich um Thüringisch im engeren Sinn, das zum ostmitteldeutschen Dialektgebiet gehört, so beim Nordthüringischen um Heiligenstadt und Nordhausen, beim Westthüringischen um Eisenach, beim Zentralthüringischen um Gotha und Erfurt, beim Ilmthüringischen um Jena oder Südostthüringischen um Saalfeld, Schleiz und Gera. Auch das Ostthüringische um Altenburg und Naumburg sowie das Nordostthüringische, das nach Norden etwa bis Bernburg reicht – also zwei Regionen, die weit nach Sachsen-Anhalt hineingehen – gehören sprachwissenschaftlich gesehen mit zum Thüringischen Dialektgebiet.
Innerhalb Thüringens werden neben diesen Thüringischen Dialekten im engeren Sinn aber auch in einem Teil des Eichsfelds im äußersten Nordwesten niederdeutsche Dialekte (Ostfälisch) sowie südlich des Rennsteigs oberdeutsche Dialekte (zum Ostfränkischen gehörende Dialekte wie Hennebergisch und Itzgründisch) gesprochen. Diese sind also durch linguistisch gesehen sehr starke Sprachgrenzen von den eigentlichen Thüringischen Dialekten getrennt.
Innerhalb der Thüringischen Dialekte wiederum ist ein gewisser Ost-West-Kontrast festzustellen, der sich an der Grenzlinie zwischen Zentralthüringisch (Erfurt und Umgebung) und Ilmthüringisch (Jena und Umgebung) zeigt: Im östlichen Teil weisen die Dialekte bereits viele Übereinstimmungen mit dem angrenzenden Sächsischen, das ebenfalls zum ostmitteldeutschen Dialektgebiet zählt, auf, zum Beispiel Boom für Baum oder Meester für Meister; westlich gibt es Besonderheiten wie Huus für Haus oder Schwiin für Schwein(e). Auch in der Wortformenbildung und im Satzbau zeigen sich in der Westhälfte tendenziell am stärksten die typisch Thüringischen Dialektmerkmale. Jenseits dieser größeren Dialekträume stellt aber im Grunde jede Ortsmundart einen eigenen Dialekt – ein eigenständiges, vollständiges Sprachsystem – dar. Die Dialekte unterscheiden sich also von Ort zu Ort.

Hat sich die Zahl der Dialekte in den letzten Jahren verändert? Man hat den Eindruck, dass junge Menschen die regionalen sprachlichen Traditionen weitaus weniger stark leben. Ist das wirklich so? Und welche Rolle spielt dabei Zuwanderung?
Thüringen ist wie weite Bereiche des Mitteldeutschen generell, insbesondere des Ostmitteldeutschen, von einem starken Dialektabbau betroffen. Dadurch gibt es zunächst nicht unbedingt weniger Dialekte, aber immer weniger Sprecher pro Dialekt, also Leute, die den Dialekt noch beherrschen und in ihrer normalen Alltagskommunikation ständig verwenden. In vielen Orten beherrschen nur noch einzelne ältere Leute den örtlichen Dialekt.
Durch den Rückgang der Sprecher können natürlich letztlich auch Dialekte aussterben. Hier gibt es in der Forschung unterschiedliche Einschätzungen zum Thüringischen Sprachraum: Einige Forscher sind der Meinung, dass die Dialekte in Thüringen und Sachsen bereits ausgestorben sind und nur noch eine regionale Umgangssprache, ein sogenannter ostmitteldeutscher Regiolekt, gesprochen wird, der von Erfurt bis Dresden relativ einheitlich ist. In einer Pilotstudie mit circa 40 Sprechern aus allen Thüringischen Dialektgebieten konnten wir im vergangenen Jahr jedoch zeigen, dass vielerorts durchaus noch dialektale Sprachkompetenzen vorhanden sind, wenn auch in der Tat oft nur noch bei wenigen, meist älteren Sprechern am jeweiligen Ort.
Vergleichsweise lebendig sind insbesondere die oberdeutschen (ostfränkischen) Dialekte in Thüringen, die südlich des Rennsteigs gesprochen werden. Beim Thüringischen im engeren Sinn sieht es insgesamt deutlich kritischer aus. Das gilt auch grundsätzlich für die Städte, in denen durch den Zuzug von Sprechern aus anderen Regionen zumeist kaum noch Dialekt gesprochen wird – im Gegensatz zu vielen kleineren Orten im ländlichen Raum.
Wie hoch ist die Bedeutung von Sprache für die regionale Verbundenheit einzuschätzen? Sollte man Ihrer Meinung nach die Pflege einzelner Dialekte bewusst fördern – in der Schule, in Form von Sprachkursen oder mittels Mundart-Abenden?
Die Sprache hat ein hohes identitätsstiftendes Potenzial. Eine regionale Sprachform kann somit stark zu einer regionalen Verbundenheit beitragen: ein Ortsdialekt zur Verbundenheit mit dem jeweiligen Ort, aber auch ein Regiolekt zur Verbundenheit mit einer größeren Region. Unbewusst fühlt man sich Menschen mit ähnlicher Sprache verbunden. So lassen sich beispielsweise die Handelsbeziehungen für Rohstoffe wie Holz, Kohle oder Metalle innerhalb des deutschen Sprachraums, aber auch die Gebiete, in die Menschen am ehesten umziehen (abgesehen von Berlin, das eine ausgeprägt überregionale Anziehungskraft hat), am besten mit Dialektregionen und Dialektgrenzen erklären.
Für den Erhalt der Dialekte sind Mundart-Abende, Sprachkurse oder die Beschäftigung in der Schule nur bedingt geeignet. Meist sind sie Anzeichen dafür, dass der Dialekt im Alltag schon nicht mehr wirklich lebendig ist. In der Linguistik spricht man von Erinnerungsformen, gemeint ist zum Beispiel das Auswendiglernen von Theaterstücken, Liedern oder Gedichten im Dialekt. Das bringt für den Erhalt des Dialekts leider nicht wirklich viel. Entscheidend ist die tagtägliche Verwendung des Dialekts in ganz normalen Kommunikationssituationen, nicht nur zu bestimmten Anlässen und Veranstaltungen. Insofern aber durch solche Veranstaltungen und Initiativen sowie die ernsthafte Beschäftigung mit Dialekt – statt des „Abtrainierens“ desselben im Deutschunterricht – das Ansehen des Dialekts aufgewertet werden kann, kann das indirekt doch dem Erhalt des Dialekts zugutekommen.
Viele Großeltern und Eltern sprechen mit ihren Kindern deshalb nicht mehr Dialekt, weil sie diese Sprachform als Bildungshindernis wahrnehmen. Wenn sich diese Einstellung ändert und der Dialekt mehr Prestige und Wertschätzung erfährt, wird er hoffentlich auch wieder stärker an die jüngere Generation weitergegeben und im Alltag verwendet. Verbreitet ist die Meinung, wer Dialekt spricht, sei dumm und müsse sich dafür schämen – im Gegenteil: man kann stolz sein, wenn man Dialekt sprechen kann und sollte diesen, wo immer möglich und sinnvoll, auch im Alltag verwenden.
Welche Erkenntnisse aus Ihrer Forschung zu Thüringer Dialekten war für Sie besonders interessant oder auch überraschend? Was meinen Sie, wie steht es um die Thüringer Dialekte in 50 Jahren?
Mich interessiert in der dialektalen Forschung vor allem der Bereich der Wortformenbildung und des Satzbaus. Das ist bisher wenig untersucht worden. Meist fällt zunächst auf, dass es im Dialekt teils andere Wörter gibt oder dass andere Laute gesprochen werden. Entsprechend ist die Lexik (der Wortschatz) in Form von Dialektwörterbüchern und die Phonologie (die lautliche Seite der Dialekte) traditionell bereits gut erforscht – so auch zu Thüringischen Dialekten, etwa mit dem sehr umfangreichen Thüringischen Wörterbuch.
Umso mehr bin ich begeistert, dass unsere Pilotstudie ergeben hat, dass die Thüringischen Dialektsprecher nach wie vor besondere Merkmale in Morphologie und Syntax beherrschen, etwa eine vom Standarddeutschen abweichende Wortstellung bei mehreren Verben, die Verwendung des ge- an Infinitiven, die von Modalverben wie können abhängen, oder die als Supinum bezeichnete besondere Form dieser Modalverben – all das zeigt sich in Sätzen wie doß häar dee Annika hätt konnt gefrää („dass er die Annika hätte fragen können“). Hier weisen die Thüringischen Dialekte teils Besonderheiten auf, die in kaum einer anderen Dialektregion vorkommen und uns viel über die linguistischen Eigenschaften dieser Konstruktionen verraten.
Das möchte ich mit meinem Team gern in den nächsten Jahren weiter erforschen. Insofern ist zu hoffen, dass die Thüringischen Dialekte auch in den kommenden Jahrzehnten weiter im Alltag gesprochen und an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Bereits die ersten Untersuchungen auf dem Gebiet der Dialektologie Ende des 19. Jahrhunderts wurden vor dem Hintergrund des Eindrucks durchgeführt, dass die Dialekte gerade kurz vorm Aussterben seien. Sie haben aber doch bis heute überlebt und werden hoffentlich auch in 50 Jahren noch nicht völlig ausgestorben sein.
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Lehrstuhl für Germanistische Linguistik mit Schwerpunkt Sprachwandel und sprachliche Variation