Interview Veröffentlicht am:
Wo und wie entstehen unsere Bevölkerungszahlen?
Im Interview spricht Silke Sommer, Abteilungsleiterin im Thüringer Landesamt für Statistik (TLS), über Bevölkerungsstatistiken, Vorausberechnungen und den Zensus. Als zentrale Anlaufstelle für die Arbeit mit Daten und Statistiken in Thüringen stellt das TLS Zahlen zu den unterschiedlichsten Themen für alle zur Verfügung. Die Serviceagentur Demografischer Wandel greift regelmäßig auf die vom TLS bereitgestellten Daten zu, insbesondere im Bereich Bevölkerung und Haushalte.

Könnten Sie uns erläutern, wie eine „typische“ Bevölkerungsstatistik entwickelt wird? Wo kommen die Zahlen her und wie kommen diese zustande?
Die Bevölkerungsstatistiken gehören zu den klassischen Arbeitsgebieten der amtlichen Statistik. Hier geht es um mehr als um Einwohnerzahlen. Zu den Bevölkerungsstatistiken zählen die Bevölkerungsfortschreibung und -vorausberechnung, die Statistik der Geburten und Sterbefälle, die Wanderungsstatistik, die Ehelösungs- und Eheschließungsstatistik, die Einbürgerungs- und Ausländerstatistik. Alle Bevölkerungsstatistiken sind Sekundärstatistiken, beruhen somit auf Daten, die im Verwaltungsprozess anfallen.
Doch nun zurück zu Ihrer Frage. Nachdem der Bedarf an statistischen Informationen ermittelt, die Konzeptionsphase der Statistik abgeschlossen, die Rechtsgrundlage geschaffen und die Produktionssysteme aufgebaut wurden, startet jetzt der eigentliche Statistikherstellungsprozess. Diesen kann man grob in folgende Teilprozesse gliedern:
Die Datengewinnung beruht im Fall der Wanderungsstatistik auf der Meldepflicht für alle in Deutschland lebenden Personen. Wenn sich jemand im Meldeamt wegen eines Umzuges an- oder abmeldet, werden diese Informationen inzwischen anlassbezogen, automatisch, elektronisch und anonymisiert an uns übermittelt. In der Wanderungsstatistik werden dabei jedoch nur Umzüge berücksichtigt, bei denen ein Wechsel der Gemeinde stattfindet.
Bei der nun folgenden Datenaufbereitung kontrollieren wir, ob das Lieferformat stimmt, damit die Lieferung fehlerfrei verarbeitet werden kann. Wir prüfen, ob Wanderungsfälle mehrfach geliefert wurden und ob die Angaben plausibel und vollständig sind. Unklarheiten können wir noch durch Rückfragen bei den Meldeämtern klären.
Im Rahmen der anschließenden Ergebnisanalyse werden die Daten zu Tabellen zusammengestellt und dabei in Summe noch einmal eingehend geprüft. So stellen wir Vergleiche zu früheren Jahren an und kontrollieren, ob die Ergebnisse den Erwartungen entsprechen. Eventuelle Unstimmigkeiten werden von uns näher untersucht, interpretiert und erläutert. Zudem muss die Geheimhaltung der statistischen Ergebnisse sichergestellt werden. Nur die zusammengefassten Ergebnisse, die keinen Rückschluss auf Einzelangaben ermöglichen, dürfen wir veröffentlichen.
Der letzte Schritt ist dann die Verbreitung der Ergebnisse, damit die verschiedensten Zielgruppen einen möglichst einfachen Zugang zu den Daten erhalten. Täglich informieren wir die Öffentlichkeit über Pressemitteilungen und Social-Media-Kanäle über neue statistische Ergebnisse. Die aktuellsten Daten – insbesondere im Vergleich zu den Vorjahren (Zeitreihen) – werden auf der Internetseite des TLS zur kostenfreien Nutzung angeboten. In den Tabellen der Statistischen Berichte wird der Schwerpunkt vor allem auf fachlich und regional tief gegliederte Darstellungen gelegt. Faltblätter und Atlanten versorgen die Öffentlichkeit themenbezogen mit Informationen. Verbreitet werden die statistischen Ergebnisse aber auch bei individuellen Datenwünschen. Über die Forschungsdatenzentren wird der Wissenschaft die Auswertung anonymisierter Einzeldaten ermöglicht.
Zur besseren Planbarkeit ist die Bevölkerungsvorausberechnung die entscheidende Grundlage für viele Bereiche. Die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung auf regionaler Ebene – die 3. rBv – hat einen Planungshorizont bis zum Jahr 2042. Wie berechnen Sie die Daten für einen so langen Zeitraum im Vorhinein? Wie genau gelingt die Vorausberechnung? Was sind dabei die größten Unsicherheitsfaktoren?
Die Bevölkerungsvorausberechnung erfolgt im Grunde genommen wie die Ermittlung der amtlichen Einwohnerzahl durch die sogenannte Bevölkerungsfortschreibung. Das bedeutet, dass man zu einem Bevölkerungsbestand am Anfang des Jahres die Zuzüge und Geburten dieses Jahres addiert und die Sterbefälle und Fortzüge des gleichen Jahres abzieht. So erhält man die neue Bevölkerungszahl am Jahresende. Bei der Vorausberechnung arbeiten wir genauso, nur, dass wir für jedes Vorausberechnungsjahr zunächst ermitteln müssen, wie viele Bevölkerungsbewegungen – also Geburten, Sterbefälle, Zu- und Fortzüge – die Gebietseinheit voraussichtlich haben wird.
Hierfür analysieren wir die Bevölkerungsbewegungen der vergangenen Jahre. Wir schauen, ob diese typische Entwicklungen hinsichtlich der einzelnen Bewegungen aufwiesen, die wir auch für die Zukunft erwarten können oder ob es Besonderheiten gab, die so nicht fortgeschrieben werden sollten (wie zum Beispiel die erhöhten Zuzüge während des Syrienkrieges). Darüber hinaus müssen wir Annahmen darüber treffen, wie sich zum Beispiel die Geburtenrate, die Lebenserwartung oder die Zu- und Fortzüge in Zukunft entwickeln werden. Diese Annahmen lassen wir in die Berechnung der zukünftigen Geburten-, Sterbe- und Wanderungsraten einfließen.
Die Vorausberechnung erfolgt nicht für alle Einwohner zusammen, sondern einzeln für rund 100 Altersjahre getrennt nach Geschlecht. So wird zum Beispiel die Zahl der 25-jährigen Frauen mit ihrer spezifischen Geburten-, Sterbe- und Wanderungsrate multipliziert, woraus sich die Geburten, Sterbefälle und Wanderungsbewegungen dieses Altersjahrgangs ergeben. Aus der Summe aller vorausberechneten und um ein Jahr gealterten Altersjahrgänge sowie den Geburten des Jahres ergibt sich dann die Bevölkerung am Ende des ersten Vorausberechnungsjahres. Dieser Vorgang wird so oft wiederholt, bis das Ende des Vorausberechnungszeitraums 2042 erreicht ist.
Das Ergebnis der Vorausberechnung hängt somit maßgeblich davon ab, wie die Ausgangsbevölkerung strukturiert ist, wie die Bevölkerungsentwicklung in der Vergangenheit war und welche Annahmen zur zukünftigen Entwicklung der Geburtenrate, zur Lebenserwartung und zu den Zu- und Fortzügen getroffen werden.
Die größten Unsicherheiten liegen meist in der Einschätzung der zukünftigen Zuwanderung nach Deutschland, da diese in der Vergangenheit sehr stark schwankte. Aktuell stehen wir aber auch vor der Herausforderung zu beurteilen, wie sich die Geburtenrate weiterentwickelt. Diese ist seit der Corona-Pandemie stark gesunken und es ist unklar, ob diese weiter zurückgeht, auf dem aktuell niedrigen Niveau verharrt oder sich mittelfristig wieder mehr junge Menschen für ein Kind entscheiden werden.
Im Jahr 2022 fand in Deutschland erstmals seit 2011 wieder eine Bevölkerungszählung – der Zensus – statt. Mit dieser Erhebung wird ermittelt, wie viele Menschen in Deutschland leben, wie sie wohnen und arbeiten. Was sind die zentralen Ergebnisse des Zensus 2022 für Thüringen? Worüber waren Sie am meisten überrascht? Und wie läuft so ein Zensus eigentlich ab?
Im Rahmen des Zensus 2022 wurden alle Menschen gezählt, die am 15. Mai 2022 in Deutschland lebten. Mit Hilfe der Volkszählung wurde ermittelt, wo sie wohnen und arbeiten oder über welchen Bildungsstand die Einwohnerinnen und Einwohner verfügen. Natürlich wurde nicht jede einzelne Person gezählt. Es gibt bereits ganz viele offizielle Daten in Verwaltungsregistern, wie dem Melderegister, über welches jede Gemeinde verfügt. Leider sind diese Daten nicht immer aktuell, weil Menschen zu- oder fortziehen, ohne sich umzumelden. Deswegen gab es Befragungen, an denen aber nur 10 Prozent aller Personen beteiligt waren, die im Vorfeld zufällig ausgewählt wurden. Diese Stichprobe diente dazu, die Über- und Untererfassungen im Datenbestand der Melderegister zu erfassen und bei der Ermittlung der Einwohnerzahl zu berücksichtigen. Auch in allen Wohnheimen und Gemeinschaftsunterkünften fanden Befragungen statt.
Im Zensus haben wir nicht nur die Bevölkerungszahl ermittelt, sondern auch die Zahl der Häuser und Wohnungen. Deswegen wurden im Rahmen der Gebäude- und Wohnungszählung alle Gebäude- und Wohnungsbesitzer befragt.
Alle diese Daten aus den verschiedenen Erhebungsteilen wurden anschließend zusammengeführt und weiterverarbeitet. So wurde zum Beispiel über die sogenannte Haushaltsgenerierung ermittelt, wie viele Privathaushalte es gibt, wie sich die Haushalte zusammensetzen und wie und wo sie wohnen.
Auf diese Art und Weise wurde ermittelt, dass Thüringen am 15. Mai 2022 insgesamt 2.110.418 Einwohnerinnen und Einwohner hatte. Das sind 0,6 Prozent (–11.951 Personen) weniger als in der Bevölkerungsfortschreibung angenommen. Auch viele andere Bundesländer verlieren Einwohnerinnen und Einwohner im Vergleich zur Bevölkerungsfortschreibung. Aber Thüringen hat im bundesdeutschen Vergleich mit die geringsten Verluste. Und das hat uns am meisten überrascht. Außerdem belegt Erfurt im Ranking aller 30 Großstädte (ab 100.000 Personen), die einen Bevölkerungszuwachs aufweisen, mit dem Plus von 3.531 Personen (+1,6 Prozent) den 9. Platz.
Die rund 2,1 Millionen Thüringerinnen und Thüringer wohnten zum Stichtag in 567.413 Gebäuden mit Wohnraum beziehungsweise in 1.167.277 Wohnungen. Diese Wohnungen waren zu 49,6 Prozent Mietwohnungen. 41,7 Prozent der Wohnungen wurden von Eigentümerinnen und Eigentümern selbst bewohnt. Für Thüringen wurde eine durchschnittliche Nettokaltmiete für vermietete Wohnungen von 5,65 Euro pro Quadratmeter (Euro/m2) ermittelt. Damit liegt Thüringen unter dem Bundesdurchschnitt von 7,28 Euro/m2 und gehört neben Sachsen-Anhalt (5,38 Euro/m2) und Sachsen (5,72 Euro/m2) zu den Bundesländern mit den günstigsten Nettokaltmieten.
41,9 Prozent der Thüringerinnen und Thüringer wohnten zum Stichtag allein (438.865 Haushalte). Alle anderen der insgesamt 1.046.681 Haushalte bestanden aus zwei und mehr Personen (607.812 Haushalte beziehungsweise 58,1 Prozent). Unter den Mehrpersonenhaushalten waren mit 57,9 Prozent die Zweipersonenhaushalte am häufigsten vertreten.
Die Datenbank des TLS umfasst eine Vielzahl an Statistiken. Gleichwohl ist es für die Bewertung konkreter Sachverhalte manchmal nötig, die Daten in einem bestimmten Format, einer Zeitreihe oder ähnlich vorliegen zu haben. Bekommen Sie explizite Anfragen zu besonderen Themenbereichen oder Sonderauswertungen? Wer stellt solche spezielle Anfragen beispielsweise? Wie viele erhalten Sie dazu durchschnittlich im Jahr? Welches Thema ist aktuell besonders gefragt?
Für die Beantwortung dieser Frage komme ich ohne ein paar einleitende statistische Angaben nicht aus. Über unseren Auskunftsdienst erreichen das TLS jährlich rund 1.400 Anfragen, mit steigender Tendenz. Können diese nicht direkt von den Kolleginnen und Kollegen des Auskunftsdienstes mit Hilfe des öffentlich zugänglichen Datenangebotes beantwortet werden, leitet der Auskunftsdienst diese Anfragen an den zuständigen Fachbereich weiter. Im vergangenen Jahr erhielt die Abteilung 3 „Bevölkerung, Haushalte, Bildung, Soziales, Steuern und Ländlicher Raum“ insgesamt circa 460 Anfragen vom Auskunftsdienst zur Bearbeitung beziehungsweise zur Sonderauswertung. Fast ein Drittel dieser Anfragen betraf die Bevölkerungsstatistiken. Für die meisten Anfragen sind keine Sonderauswertungen erforderlich. Diese können aus dem internen Standardangebot beantwortet werden.
Bei annähernd drei von zehn Anfragen zu den Bevölkerungsstatistiken handelt es sich um komplexe Sonderauswertungen. Dazu gehören Anfragen, für deren Beantwortung aus verschiedenen Statistiken Daten individuell zusammengestellt werden müssen oder Anfragen nach fachlich und regional sehr tief gegliederten Daten. Sonderauswertungen sind vor allem dann besonders zahlreich und eilbedürftig, wenn aktuelle Themen und Ereignisse statistische Daten in hoher Aktualität erforderlich machen (zum Beispiel Sterbefälle während der Corona-Pandemie, Wanderungen im Zuge des Syrien- und Ukrainekrieges etc.) beziehungsweise Hintergründe und Auswirkungen besonderer Themenbereiche in den Mittelpunkt gerückt werden, die auf Analysen und Querschnittsbetrachtungen verschiedener Statistiken beruhen (zum Beispiel ältere Menschen). Selbstverständlich führen die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder selbst Sonderaufbereitungen für Eigenprojekte durch. Hierfür werden vergleichbare Ergebnisse für alle Bundesländer zum Aufbau themenbezogener Monitorings (Eigenprodukte) benötigt, wie Bildungs-, Gesundheits-, und Sozialberichterstattung.
Die meisten Anfragen aus dem Bereich der Bevölkerungsstatistiken kommen von Kommunalverwaltungen (Gemeinden, Kreisen), die diese detaillierten Daten für Planungszwecke (zum Beispiel Sozialplanung) benötigen. Darauf folgen Firmen, häufig Datendienstleister. Die Forschungsinstitute, Hochschulen beziehungsweise Universitäten benötigen die Daten für Forschungszwecke und die Lehre. Für die Landesverwaltung (zum Beispiel Große und Kleine Anfragen) sind meist sehr individuelle Datenzusammenstellungen erforderlich.
Häufig nachgefragte Themenschwerpunkte aus dem Bereich der Bevölkerungsstatistiken sind gegenwärtig die Migration und Integration, die Alterung der Bevölkerung, das Geburtenverhalten sowie die Lebenserwartung und Sterblichkeit.
Weitere Informationen
Thüringer Landesamt für Statistik
Thüringer Online-Sozialstrukturatlas (ThOnSA)
Statistikportal: Daten der amtlichen Statistik zur Bevölkerung