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Interview Veröffentlicht am:

„In Coburg setzen wir auf mehrere miteinander verbundene Demografieschwerpunkte“

Bianca Haischberger leitet die Stabsstelle Demografie, Bildung und Familie in Coburg. Im Interview beschreibt sie, wie sich der demografische Wandel in ihrer Kommune zeigt, welche Demografiestrategie Coburg verfolgt und welche Projekte sie umsetzt.

Was bedeutet demografischer Wandel in Ihrer Kommune?

Demografischer Wandel hat viele Gesichter − und genau das macht ihn so anspruchsvoll. Ja, unsere Gesellschaft wird älter. Aber es geht nicht nur um Zahlen, sondern um Erwartungen, Lebensentwürfe und Potenziale.

Die heutigen 65-Jährigen sind nicht mehr die Generation unserer Großeltern. Viele sind gesund, aktiv, neugierig − und wollen sich einbringen. Für uns als Stadt bedeutet das: Wir dürfen nicht in Kategorien wie „Seniorenangebote“ denken, sondern müssen fragen, wie wir Menschen mit ihren Fähigkeiten in der Stadt halten.

Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich daraus für Coburg?

Gerade die sogenannten „jungen Rentnerinnen und Rentner“ können eine enorme Stütze für Ehrenamt, Vereine und Nachbarschaften sein. Die Herausforderung ist, Menschen zu erreichen, die bisher mit Ehrenamt wenig Berührung hatten. Wenn wir es schaffen, dieses Engagement als Chance für persönliches Wachstum zu vermitteln, profitieren alle Generationen. Gleichzeitig erleben wir, dass sich viele Menschen Kinder wünschen, doch der richtige Zeitpunkt, die berufliche Sicherheit oder passende Rahmenbedingungen fehlen. Auch wenn vieles beim Bund liegt, können wir Familienfreundlichkeit vor Ort sichtbar leben: durch gute Betreuung, kurze Wege, verlässliche Angebote und eine Haltung, die Familie nicht als Karrierehindernis, sondern als gesellschaftlichen Wert begreift.

Zum demografischen Wandel gehört für uns auch, dass unsere Stadt vielfältiger wird. Migration und Zuzug prägen Coburg schon lange. Entscheidend ist, dass Menschen nicht nur kommen, sondern ankommen: in Bildung, Arbeit, Nachbarschaft und im gesellschaftlichen Leben. Eine gelebte Willkommenskultur ist deshalb ein zentraler Baustein demografischer Entwicklung.

Demografischer Wandel ist für Coburg weniger ein Problem als eine Gestaltungsaufgabe, die wir aktiv und generationenübergreifend angehen müssen.

Haben Sie eine Demografiestrategie? Wo setzen Sie Schwerpunkte?

Ja, Coburg verfolgt eine Demografiestrategie, die bewusst nicht eindimensional ist. Wir setzen auf mehrere miteinander verbundene Schwerpunkte:

  • Fachkräftesicherung und Attraktivität des Standorts:
    Arbeit, Wohnen und Lebensqualität gehören zusammen. Wer Fachkräfte halten oder gewinnen will, muss auch Familienfreundlichkeit, Bildung und Infrastruktur mitdenken.
  • Kinder, Familien und Bildung:
    Bildung beginnt früh − und sie entscheidet darüber, ob junge Menschen bleiben. Deshalb investieren wir in Kitas, Schulen und ergänzende Angebote und arbeiten kontinuierlich daran, Familienfreundlichkeit nicht nur zu versprechen, sondern im Alltag spürbar zu machen.
  • Aktives Altern und Teilhabe:
    Älterwerden bedeutet nicht Rückzug. Wir wollen Strukturen schaffen, die Beteiligung, Ehrenamt und generationenübergreifende Projekte ermöglichen − ohne Menschen in Altersgruppen zu sortieren.
  • Integration und Zuwanderung:
    Coburg ist längst vielfältig: Über 110 Nationen leben hier. Diese Vielfalt ist Realität und Chance zugleich. Integration heißt für uns, Zugänge zu Sprache, Bildung und Begegnung zu schaffen – und Räume, in denen Zusammenleben gelingt.

Was können andere Kommunen von Ihnen lernen?

Im Laufe unseres Prozesses haben wir gemerkt, wie komplex das Thema Demografie eigentlich ist. Viele Fragestellungen lassen sich nicht einem einzelnen Bereich zuordnen, sondern betreffen ganz unterschiedliche Akteure − von der Verwaltung über die Wirtschaft bis hin zu Vereinen und Bildungseinrichtungen. Für uns war es deshalb ein wichtiger Schritt, stärker ressortübergreifend zu arbeiten, eine Stabsstelle mit den Querschnittsaufgaben Demografie, Bildung und Familie einzurichten und den Austausch mit anderen Kommunen zu suchen, zum Beispiel im Netzwerk der Zukunftswerkstatt Kommunen.

Was wir aus Coburg heraus teilen können, ist weniger ein Patentrezept als eine Erfahrung: Es hilft, nicht nur auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren, sondern sich Zeit für langfristige Perspektiven zu nehmen. Bestehende Projekte zusammenzudenken und aufeinander zu beziehen, schafft oft mehr Wirkung als neue Einzelmaßnahmen. Unterstützend wirken dabei auch Daten und Prognosen, etwa zur Bevölkerungs- oder Infrastrukturentwicklung − nicht als Entscheidungsvorgabe, sondern als Orientierung.

Wo läuft es noch nicht rund?

Trotz vieler guter Ansätze bleibt die Fachkräftesicherung eine große Herausforderung − insbesondere im sozialen und technischen Bereich. Außerdem müssen wir besser darin werden, junge Menschen nach Ausbildung oder Studium langfristig an Coburg zu binden. Das hat nicht nur mit Arbeitsplätzen zu tun, sondern auch mit Wohnraum, Mobilität, Freizeitangeboten und der Frage: Fühle ich mich hier gesehen und willkommen? Hier gibt es noch Entwicklungspotenzial, das wir aktiv angehen müssen.

Welche Projekte stehen für die Zukunft an?

Für die kommenden Jahre sehen wir unsere Rolle vor allem darin, die demografischen Stellschrauben für die Zukunft zu bedienen. In den Bereichen Demografie, Bildung und Familie setzen wir Impulse, vernetzen Akteure und denken Entwicklungen langfristig zusammen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf einer gelebten Willkommenskultur. Ziel ist es, dass Menschen − egal ob junge Familien, Fachkräfte, Zugewanderte oder Rückkehrende − in Coburg nicht nur ankommen, sondern sich auch zugehörig fühlen.

Konkret arbeiten wir daran,

  • Bildungs- und Betreuungsangebote so weiterzuentwickeln, dass sie Familien in unterschiedlichen Lebenslagen unterstützen.
  • Übergänge besser zu gestalten, etwa von Ausbildung in den Beruf oder beim Zuzug nach Coburg.
  • generationenübergreifende und quartiersbezogene Projekte zu stärken, die Begegnung ermöglichen und soziale Netzwerke aufbauen.
  • Willkommenskultur als Querschnittsthema zu verankern − in Information, Beratung und Begegnung.

So leisten wir unseren Beitrag dazu, dass Coburg eine Stadt bleibt, in der Menschen gerne leben, bleiben oder neu anfangen.

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