„Die Nutzung digitaler Möglichkeiten kann die ‚echte‘ Nachbarschaftshilfe im ländlichen Raum ergänzen“
Ein Beitrag von Ulrich Weinbrenner, Leiter des Stabes Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Integration im Bundesministerium des Innern
Die Bevölkerung wird älter, die Geburtenrate bleibt niedrig, der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund steigt. Ein bekanntes Schlagwort lautet: „Deutschland wird weniger, älter und bunter“. Der demografische Wandel mit all seinen Facetten stellt eine der großen Herausforderungen Deutschlands in den kommenden Jahren dar.
Es gibt Stimmen, die sehen die Folgen der raschen Alterung und des langfristigen Schrumpfens der deutschen Bevölkerung durch die hohe Zahl der nach Deutschland Geflüchteten und Einwanderer gelöst. Dabei verengt sich der Blick oft auf den Fachkräftemangel, der durch Zuwanderung möglicherweise abgemildert werden kann. Bei einer solchen Beschränkung der Diskussion über die demografische Entwicklung werden aber zwei wesentliche Gesichtspunkte übersehen:
Erstens verläuft der Bevölkerungswandel sehr unterschiedlich - insbesondere im ländlichen Raum. Zweitens ist die wachsende Gruppe älterer Menschen sehr heterogen.
Eine Besonderheit des demografischen Wandels ist seine räumliche Vielfalt: Zu- und Fortzüge sind ungleich verteilt, so dass wachsende und schrumpfende Gemeinden oft eng beieinander liegen. Wirtschaftlich schwächere Regionen verlieren jüngere Einwohner und haben gleichzeitig einen raschen Anstieg Älterer zu verzeichnen. Dies wirkt sich nun wieder unmittelbar auf die wirtschaftliche Entwicklung in der Region und auf das Gemeindeleben aus.
Bei der steigenden Zahl älterer Menschen können wir erfreulicherweise beobachten, dass wir nicht nur länger leben, sondern auch länger gesund bleiben. Unsere aktive Lebensspanne wächst kontinuierlich: Der Anteil der Erwerbstätigen unter den 60- bis 64-Jährigen hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt – von 25 Prozent im Jahr 2002 auf fast 50 Prozent im Jahr 2012. Zum Teil spielen wirtschaftliche Gründe sicherlich eine Rolle, aber die heute 55- bis 70-Jährigen fühlen sich mehrheitlich fit und deutlich jünger, als es unseren bisherigen Vorstellungen über dieses Lebensalter entspricht. Biologisches und kalendarisches Alter entwickeln sich auseinander, so dass eine strikte Trennung zwischen Erwerbsleben und Ruhestand immer weniger der Lebenswirklichkeit der Menschen im entspricht. Starre Regelungen entsprechen heute selten der Lebensrealität älterer Menschen, so dass das chronologische Alter sich nicht mehr dazu eignet, Lebensphasen voneinander abzugrenzen. Ich finde es sehr beeindruckend, dass in dieser Bevölkerungsgruppe eine hohe Bereitschaft zu erkennen ist, sich auch ehrenamtlich einzusetzen.
Diese motivierten Menschen müssen wir noch stärker dafür gewinnen, ihr Potenzial im ehrenamtlichen Engagement frei zu setzen. Das Sorgen für andere, das Kümmern um die Mitmenschen als Anker des gesellschaftlichen Zusammenhaltes – dafür steht seit Generationen ganz besonders das Leben im ländlichen Raum. Dies gilt es zu bewahren und auszubauen.
Das Projekt „Digitales Dorf“ ist ein schönes Beispiel für funktionierendes Miteinander. Mit der Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger werden bis Ende 2016 Konzepte für ein smartes Dorfleben erarbeitet. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man die Versorgung ländlicher Räume mit IT-basierten Lösungen unterstützen kann. Denn das Füreinander Einstehen bleibt über Generationen erhalten, aber der technische Fortschritt muss genutzt werden, es zu vereinfachen.
Die Digitalisierung spielt eine Schlüsselrolle für die wirtschaftliche, kulturelle und gesundheitliche Entwicklung im ländlichen Raum. Es ist der Wunsch der meisten älteren Menschen, die Anforderungen des Alltags bis ins hohe Alter zu bewältigen. Eines der wichtigsten Anliegen ist dabei, möglichst lange in der eigenen Wohnung selbstbestimmt leben zu können. Hierbei können technische und digitale Hilfsmittel gute Unterstützung leisten. Um den Zugang zu leistungsfähigem Internet zu gewährleisten, baut die Bundesregierung die Breitbandinfrastruktur bis 2018 flächendeckend aus.
Besondere Bedeutung hat hier auch die Telemedizin. Digitale Technologien können die Organisation der Gesundheitsversorgung wesentlich erleichtern. Um die Möglichkeiten der Telemedizin besser nutzen zu können, hat die Bundesregierung im Mai 2015 das E-Health-Gesetz beschlossen.
Wir haben mit dem Breitbandausbau auf der einen und dem E-Health-Gesetz auf der anderen Seite wichtige Voraussetzungen für eine bürgernahe Gesundheitsversorgung mit technischer Unterstützung auf dem Land geschaffen, um die Lebensqualität aller Generationen auf dem Land langfristig zu erhöhen.
Dabei ist die Nutzung der digitalen Möglichkeiten letztlich immer als eine Ergänzung der „echten“ Nachbarschaftshilfe zu verstehen. All die Digitalisierung kann im Alltag gut unterstützen, aber die reale Hilfe durch Menschen nicht vollständig ersetzen. Deshalb bleibt der wichtigste Baustein bei der Sicherung der Daseinsvorsorge der Mensch. Neben den nützlichen digitalen Angeboten und technischer Unterstützung braucht die Gesellschaft weiterhin Nachbarschaftshilfen.
Der Bundesregierung ist sehr bewusst, dass viele Kommunen vor großen Herausforderungen stehen. In der weiterentwickelten Demografiestrategie „Jedes Alter zählt – Für mehr Wohlstand und Lebensqualität aller Generationen“ nimmt dieses Thema eine zentrale Position ein. Im Handlungsfeld „Förderung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in den Regionen“ werden Maßnahmen aufgezeigt, um das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in Stadt und Land zu erhalten und wenn nötig herzustellen. Um den besonderen Bedürfnissen des ländlichen Raums gerecht zu werden, hat die Bundesregierung außerdem eine eigene Arbeitsgruppe „Regionen im demografischen Wandels stärken – Lebensqualität in Stadt und Land fördern“ eingerichtet. Sie zeigt Wege, wie durch gezielte Projekte die kommunale Wirtschaft ihre Arbeits- und Ausbildungsplätze nicht nur erhalten kann sondern auch neue schaffen werden kann. In strukturschwachen Regionen sind es vor allem die kleinen Betriebe, Existenzgründer und Basisdienstleister, die als Anker für Stabilität und Nahversorgung gezielt gestärkt werden sollen.
Ich lade Sie ein, sich am Praxisdialog „Digitale Dörfer“ zu beteiligen: Berichten Sie über Ihre Erfahrungen und diskutieren Sie mit uns! Denn nur gemeinsam können wir dazu beitragen, ein gelingendes Zusammenleben in Stadt und Land zu gewährleisten.
Ulrich Weinbrenner
Leiter des Stabes Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Integration im Bundesministerium des Innern