Mit etwa 150 Gästen aus Wissenschaft und Politik feierte das Institut am 21. Juni in Wiesbaden sein 40-jähriges Bestehen. Die Festveranstaltung stand unter dem Motto „Demografische Entwicklung in Deutschland – Aktuelle Kontroversen und Zukunftsoptionen“. Cornelia Rogall-Grothe, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, hob in Ihrer Rede das hohe Niveau der Politikberatung des BiB hervor. Weiterhin wies Sie dem BiB eine wichtige Rolle in der Demografiepolitik der Bundesregierung zu, die sich zum Beispiel in der Betreuung des Demografieportals des Bundes und der Länder zeige.
Festveranstaltung zum 40-jährigen Bestehen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung am 21. Juni 2013 im Kurhaus Wiesbaden
Prof. Dr. Norbert F. Schneider, Direktor des Instituts, hob in seiner Rede hervor, dass sich das BiB als multiperspektivisches Institut verstehe, das in erster Linie Bevölkerungsforschung betreibe und keine Demografie. Der Institutsdirektor bezeichnete den demografischen Wandel zwar als ernstzunehmende Herausforderung, warnte aber gleichzeitig davor diesen zu „katastrophisieren“.
Die Festveranstaltung gliederte sich in drei Themenblöcke: Alterung, Fertilitätsentwicklung und Zuwanderung. Zu jedem dieser Themen gab es Vorträge und Statements mit anschließender Podiumsdiskussion. Auch Akteure aus der Praxis kamen zu Wort wie der ehrenamtlich geführte Großelternservice „Enkel dich jung“ aus Wiesbaden. Die kontroversen Debatten wurden von ZDF-Fernsehmoderator Ralph Szepanski moderiert.
Podiumsdiskussion 1: Alterung der Gesellschaft: Gewonnene Jahre oder bedrohter Wohlstand?
Gerontologe Prof. Dr. Andreas Kruse nannte die Eingebundenheit in soziale Netzwerke und die Erfahrung, das Altern bewusst gestalten zu können, als Bedingungen zur Verwirklichung von Entwicklungspotenzialen bei Älteren. Vor diesem Hintergrund warnte er vor der Zunahme der sozialen Ungleichheit im Alter. So gewinne für ihn die Frage nach intragenenerationaler Umverteilung zwischen besser gestellten Älteren und materiell schwächer gestellten Älteren besonders an Bedeutung. Die zunehmenden Belastungen der sozialen Sicherungssysteme sollten nicht allein den nachfolgenden Generationen aufgebürdet werden. Prof. Dr. Stephan Lessenich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, warnte davor, ein neues Altersideal zu etablieren, das Produktivität im Alter zur Norm erhebt. Eine Abwertung des „alten Alters“ könnte eine Folge sein. Er forderte eine Wertschätzung des Alters unabhängig von der ökonomischen und produktiven Funktion. Auch Prof. Lessnich geht wie Prof. Kruse von einer weiteren Zunahme der Ungleichheit im Alter aus. Als Vertreter der „jungen Alten“ war ehemaliger Präsident des Bremer Senats und Bürgermeister a. D. Hennig Scherf zu Gast auf dem Podium. Der 74-Jährige gab Einblicke in sein Leben in einer Wohngemeinschaft mit mehreren Generationen.
Podiumsdiskussion 2: Fertilitätsentwicklung in Deutschland als Megathema in Wissenschaft und Politik
In den ersten beiden Vorträgen des Themenblocks wurde die neuesten Trends der Geburtenentwicklung in Deutschland vorgestellt. Dr. Sabine Bechthold, Abteilungsleiterin im Statistischen Bundesamt, zeigte, dass die zusammengefasste Geburtenziffer bei den 15- bis 28-jährigen Frauen zurückgeht, die der 29- bis 49-jährigen Frauen hingegen steigt. Frauen haben somit zunehmend in einem späteren Alter Kinder. Gründe seien längere Ausbildungszeiten, unsichere Beschäftigungsverhältnisse und große Abstände zwischen den Geburten von drei bis vier Jahren. Der Soziologe Prof. Dr. Johannes Huinink geht von einem Anstieg der endgültigen Kinderzahl nach Geburtsjahrgängen auf 1,7 in den nächsten Jahren aus. Als Beleg für seine These führt er Daten des Beziehungs- und Familienpanelspairfam an, die darauf hinweisen, dass sich noch viele Frauen in den nächsten Jahren ihren Kinderwunsch erfüllen möchten, allerdings in einer späteren Lebensphase als bisher. Bei Frauen der Jahrgänge 1971 bis 1973 gehe er von einem Aufholprozess aus, nur 15 % wollten dauerhaft kinderlos bleiben. Prof. Dr. Ilona Ostner nahm zur familienpolitischen Steuerung der Geburtenentwicklung Stellung. Es gäbe zwar Zusammenhänge zwischen bestimmten Faktoren wie Geld, Zeit und Infrastruktur, die kausalen Mechanismen seien allerdings bislang nicht hinreichend erforscht. Der Präsident der deutschen Gesellschaft für Demographie Prof. Dr. Tilman Mayer zeigte sich hingegen überzeugt von einem familienpolitischen Steuerungspotenzial. So schlug er vor, Elternschaft statt Ehe staatlich zu fördern.
Podiumsdiskussion 3: Zuwanderung als Strategie zur Bewältigung des demografischen Wandels?
Prof. Dr. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erläuterte, dass Zuwanderung die Folgen des demografischen Wandels zwar nicht aufhalten, aber zumindest begrenzen könne. Der künftigen Migrationspolitik empfiehlt er den Umfang der Zuwanderung zu steigern, das hohe Qualifikationsniveau der Zuwanderer zu erhalten und die Integration der Zuwanderer in Arbeitsmarkt und Gesellschaft zu verbessern. Der Abteilungsleiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Hartmut Sprung plädierte für den Ausbau einer Willkommenskultur, die auch den Partnern und Kindern der Zugewanderten Perspektiven biete. Prof. Dr. Steffen Mau machte auf die negativen Auswirkungen der Abwanderung Hochqualifizierter in den Herkunftsländern aufmerksam. Diesen Verlust für die Sendeländer abzumildern, sollte ein zentrales Anliegen der Politik sein. Migration sollte schließlich auch für die Sendeländer einen Nutzen haben. Prof. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, betonte wie auch die anderen Diskussionsteilnehmer die Notwendigkeit qualifizierter Zuwanderung.
Dass die Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel noch einiges an Forschungsarbeit und künftigem Diskussionsbedarf erfordern wird, zeigte auch die abschließende Frage von ZDF-Fernsehmoderator Ralph Szepanski: Eine Antwort auf die Frage, ob ein konzertiertes Modell aller Beteiligten bis 2025 zur Bewältigung der Folgen des Wandels denkbar wäre, das die Gesellschaft nicht überfordere, konnte nicht abschließend gegeben werden. Vielleicht gibt es bis 2023 Lösungswege, die dann beim 50-jährigen Jubiläum des BiB engagiert und kontrovers weiterdiskutiert werden können.
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